Projekt

"Stadt mit Köpfchen" - unter diesem Slogan nutzt die Stadt Chemnitz sozialistische Altlasten für Marketingzwecke. Das unverwüstliche Karl-Marx-Denkmal als Werbemotor? Ist in Zeiten der Modernisierung doch nicht jede Altlast lästig? Vielleicht kann der Osten Deutschlands trotz aller Brüche und Verluste auch als Labor oder Versuchsraum betrachtet werden, in dem oft abseits bekannter Strukturen Neues gefunden und entwickelt wird? Neues, das angesichts anstehender Sozialreformen auch für gesamtdeutsche Veränderungsprozesse von Bedeutung sein könnte.

Das vorliegende Projekt will sich mit sozialen Wandlungsprozessen in der Alltagswelt und dem oft spannungsvollen Verhältnis zwischen Tradition und Moderne beschäftigen sowie nach zukunftsweisenden Beispielen der Symbiose zwischen Altem und Neuem Ausschau halten. Der seit 1990 in den neuen Bundesländern stattfindende Transformationsprozess führte zum Verschwinden einer ganzen Gesellschaftsordnung mitsamt der für sie charakteristischen Zeichen. Es wird jedoch davon ausgegangen, dass sich im Verlauf der Transformationsprozesse nicht dieselben Strukturen wie im Westen Deutschlands herausbilden, sondern dass Elemente aus der Alltagswelt der DDR in den neuen Bundesländern fortexistieren und sich unter den neuen Rahmenbedingungen in einer spezifischen Weise transformieren.

Als geeigneter Indikator für die quantitative Messung des Wandels der Alltagswelt wird das Vorkommen von DDR-typischen Alltagsspuren wie Losungen, Wandbilder, Reklame, Denkmäler etc. im heutigen Alltag vorgeschlagen. Auch 16 Jahre nach der Wende sind solche Spuren noch auffindbar und können damit als Maß dienen, in welcher Intensität sich der Alltag in verschiedenen Regionen gewandelt hat. Die Spuren werden fotografisch festgehalten, kategorisiert und in eine gemeinsame Datenbank eingegeben.

Auf Grundlage dieser Daten wird anschließend analysiert, welche Spuren gelebten Alltags "überlebt" haben, in welcher Dichte sie auftreten und ob es regionale und lokale Differenzen gibt. Daraus werden Schlüsse zur Intensität sozialen Wandels der Alltagswelt in den neuen Bundesländern gezogen. Zugleich wird auch die Qualität der gefundenen Spuren hinterfragt. Haben sie nur "neutral" überlebt oder sind sie "wiederbelebt" und in neue Nutzungskonzepte integriert worden? Interviews ergänzen die Analyse der Wandlungsprozesse in der Alltagswelt und suchen Beispiele für einen gelungenen, zukunftsweisenden Umgang mit den Zeichen aus dem DDR-Alltag.

Die Projektbeschreibung als PDF